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Justyna

Justyna - 33 Jahre alt - im Krankenstand

Andrea: Wie ist denn dein Single Status?
Justyna: Ich bin Single. (lacht)

Andrea: Und seit wann und wieso?
Justyna: Ach ewig, seit zwei Jahren. Da habe ich mich von meinem Verlobten getrennt. Warum ich jetzt noch Single bin? Ich bin halt zwischendurch krank geworden und da habe ich mich eher um mich gekümmert und nicht gesucht, aber jetzt wäre es wieder schön. Ich bin in Deutschland allein und habe keine Familie hier. Ich habe zwar Freunde hier, aber das ist nicht das Gleiche. Es wäre toll, wenn ich jemanden hätte, der mich jetzt in dieser schweren Phase unterstützt.

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Andrea: Wieso hast du dich in der Verlobungszeit getrennt?
Justyna: Er hat sich nach der Verlobung total verändert. Er hat nichts mehr gemacht und damit meine ich gar nichts. Wir sind nicht mehr weggegangen. Und ich wusste, wenn wir heiraten, wird das noch schlimmer. Das hat so drei Jahre gedauert. Ich habe sehr oft versucht das zu ändern und mit ihm zu reden. Ich wollte, dass es so ist wie früher, aber er wollte das nicht. Ich habe alles versucht, weil ich eine Kämpferin bin. Es war am Ende für mich der richtige Schritt.

Andrea: Was sollte dein künftiger Partner mitbringen?
Justyna: Er sollte einfach für mich da sein und mich so nehmen wie ich bin.

Andrea: Woher kommst du denn?
Justyna: Aus Polen. Aber man kann sagen, dass ich dort niemanden mehr habe, obwohl dort meine Familie lebt, aber ich lerne erst jetzt mit diesen Dingen umzugehen.

Andrea: Was heißt das genau?
Justyna: Also, ich habe zurzeit eine psychische Erkrankung mit dissoziativen Störungen. Ich bin jetzt seit über einem Jahr in Therapie und dort versuchen wir herauszufinden, woher meine Blackouts kommen. Ein Auslöser könnte eben etwas mit meiner Familie zu tun haben, aber ich weiß noch nicht was und das macht mich ganz verrückt, weil ich möchte, dass es endlich vorbei ist. Deshalb ist es besser mit meiner Familie keinen Kontakt zu haben. Ich muss kämpfen und lernen mit diesen Gefühlen klar zu kommen und das ist verdammt schwer.

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Andrea: Wie versuchst du deine Krankheit jemanden zu erklären, den du gerade kennenlernst? Gerade auch in Bezug auf mögliche neue Männer?
Justyna: Also ich erzähle das nicht gleich jedem, da muss schon ein bisschen Vertrauen da sein. Aber das, was ich habe ist wie jede andere Krankheit auch. Wie eine Grippe. Ich schäme mich auch überhaupt nicht dafür. Aber gerade kann ich das nicht ändern. Nicht jeder kommt klar damit, aber das akzeptiere ich auch.

Andrea: Kannst du mir kurz erklären wie sich diese dissoziative Störung bei dir äußert?
Justyna: Dissoziation ist eine Trennung zwischen Bewusstsein und Wahrnehmung. Ich erkläre dir mal, wie ich hierher gekommen bin. Irgendwann, wenn ich unterwegs bin, kommt der Punkt, wo ich nicht mehr bei mir bin, dann habe ich einen Blackout. Ich merke das selbst nicht und die anderen um mich herum auch nicht. Das Problem, ich weiß nicht mehr, was ich dann mache und ich achte auch nicht mehr auf den Straßenverkehr. Ich laufe dann einfach bei Rot über die Ampel oder fahre bis zur Endstation mit der S-Bahn. Dann wache ich auf und weiß nicht, wo ich bin. Deshalb komme ich immer zu spät zu meinen Verabredungen und ich hasse es, unpünktlich zu sein.

Andrea: Du lachst sehr viel. Deinen Lebensmut hast du noch nicht verloren oder?
Justyna: Nein, ich bin ich sehr lustiger Mensch. Ich kann natürlich auch herumsitzen und weinen, aber das bringt mir ja nichts. Ich bin gern unterwegs und versuche normal zu leben, zu genießen und glücklich zu sein.

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Andrea: Hast du denn auch ein bestimmtes Beuteschema?
Justyna: Oh ja, er muss unbedingt größer sein. Ich bin ja selbst ein großes Mädchen. Alle, die größer sind, sind herzlich willkommen. (lacht) Ach, er muss einfach was haben und das muss ich auf den ersten Blick sehen.

Andrea: Was wünschst du dir, was sich geändert hat in einem Jahr?
Justyna: Dass ich dann gesund bin, das ist mein allergrößter Wunsch. Ich war Altenpflegerin und ich will unbedingt wieder zurück in meinen Beruf. Und mein zweiter ist, dass ich einen Mann gefunden habe.

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EIN JAHR später - Interview Justyna 2016

Andrea: Im letzten Jahr hast du dir vor allem Gesundheit, eine Arbeit und einen Mann gewünscht. Was davon ist in Erfüllung gegangen?
Justyna: Also das mit der Gesundheit geht leider nicht von heute auf morgen. Natürlich wäre ich gern gesund. Aber so einfach ist das nicht. Ich muss geduldig sein. Ich arbeite sehr hart und bin sehr streng zu mir. Ich war in Polen und habe dort einige Dinge für mich klären können. Manches konnte ich sogar abschließen.

Andrea: Waren das Sachen aus deiner Vergangenheit, die zu deiner Erkrankung geführt haben?
Justyna: Ja, waren es und ich konnte viele davon akzeptieren. Ich habe auch nicht mehr die Blackouts. Die sind ganz selten geworden. Dafür kommen immer wieder neue Sachen hinzu. (lacht)

Andrea: Und deine Arbeit? Du warst Altenpflegerin.
Justyna: Ich will so sehr arbeiten und eine Umschulung machen zur Bürokraft. Altenpflegerin kann ich aufgrund eines Bandscheibenvorfalls nicht mehr sein. Leider wurde die Umschulung vom Arbeitsamt abgelehnt, weil ich noch nicht gesund bin. Das war ein Stich ins Herz. Aber ich habe mich auf eine Praktikumsstelle beworben. Also ein bisschen hat sich was getan. Nicht so wie ich es gern hätte, aber naja.

Andrea: Du wohnst aktuell in einer therapeutischen WG. Wie ist es dazu gekommen? J
ustyna:
Das hat mir meine Therapeutin empfohlen. Eine meiner Freundinnen wohnt auch in so einer Art WG und die ist total begeistert. Leider habe ich Pech gehabt.

Andrea: Wieso?
Justyna: Die hier ist der Wahnsinn. Die Mitbewohner saufen nur und nehmen Drogen. Die haben mit allem abgeschlossen und niemand kümmert sich darum. Ich kann hier nicht gesund werden und leben. Das zieht mich total runter. Aber ich suche schon eine neue WG.

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Andrea: Und die Männerwelt?
Justyna: Ich hatte schon ein paar Dates, aber ich bin leider noch Single. Die habe ich übers Internet kennengelernt. Aber ich werde auch viel angesprochen auf der Straße. Aber bisher war nichts dabei.

Andrea: Schade.
Justyna: Ja, weißt du. Die Leute fragen natürlich. Was machst du so. Das ist ja auch verständlich. Und dann bin ich in einer schwierigen Situation. Entweder lüge ich oder ich sage die Wahrheit. Wenn ich die Wahrheit sage, sind sie sofort weg. Und wenn ich lüge, bleiben sie bis ich irgendwann die Wahrheit erzähle und dann sind sie weg.

Andrea: Beschissene Zwickmühle.
Justyna: Die Leute gehen einfach, wenn sie hören, dass ich bin krank bin und Probleme habe. Egal, ob wir uns gut verstanden haben oder nicht. Sie haben einfach Angst vor einem Psycho. Aber soll ich Lügen verkaufen? Ist das ein guter Anfang?

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Andrea: Da wird jemand kommen, dem wird das egal sein.
Justyna: Das hoffe ich. Es ist so traurig, dass man Menschen mit Problemen nicht verstehen will. Jeder hat welche, aber andere. Aber man könnte es wenigsten versuchen, jemanden wirklich kennenlernen. Aber das tut kein Mann.

Andrea: Was hast du genau? Letztes Jahr hieß es dissoziative Störung.
Justyna: Posttraumatische Belastungsstörung. Ich weiß mittlerweile wie ich mit damit umgehen kann. Und wie gesagt: ich bin sehr streng mit mir und versuche alles, um gesund zu werden. Auch wenn ich schlechte Phasen habe, ziehe ich mich nicht zurück. Ich treffe Freunde und nehme Termine war.

Andrea: Aber posttraumatische Belastungsstörungen haben doch so viele Menschen.
Justyna: Ja, ich weiß. Aber wenn jemand hört, dass du Probleme hast, ist er weg. Aber ich kann es auch verstehen. Das schreckt erstmal ab. Aber es ist auch traurig, dass sie einem nicht mal eine Chance geben.

Andrea: Ich finde, du bist auf einem sehr guten Weg im Vergleich zum letzten Jahr.
Justyna: Ja, mir geht’s auch viel besser. Ich lerne sehr viel. Vieles konnte ich gut abschließen und körperlich auch. Und bald habe ich auch eine Arbeit. Das ist mein Ziel. Dafür tue ich alles. Ich schaffe das. Mit oder ohne Mann. (lacht)

Andrea: Ich wünsche dir, dass da jemand kommt, der das zu schätzen weiß.
Justyna: Das wäre schön. (lacht)

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