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Stefan

Stefan - 21 Jahre alt - Krankenpfleger

Andrea: So jung und schon arbeitstätig in einer Schwulenkneipe?
Stefan: Ja und dann vor allem auch noch, ist jetzt nicht so meins, aber in einer Rubber – und Fetischbar. Ich wollte halt einen Nebenjob und Geld verdienen.

Andrea: Wie sind denn gerade deine persönlichen Umstände?
Stefan: Ich bin jetzt seit drei Monaten Single. Sogar relativ genau auf den Tag. Leider hat er mich total betrogen. Auf der partnerschaftlichen Ebene genauso wie auf der finanziellen. Von daher bin ich gerade recht froh, allein zu sein. Habe zwar ein paar Angebote von Männern, aber ich will gerade ein bisschen Freiheit.

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Andrea: War das deine erste große Liebe?
Stefan: Ja, schon. Deshalb war das echt schwer durch den Betrug und so. Ich habe so gut wie bei ihm gewohnt. Dann zurück in die eigene Wohnung, das war hart. Vor allem wenn die Polizei deinen Freund abholt. Erst da habe ich von all dem erfahren.

Andrea: Magst du das erzählen?
Stefan: Nicht wirklich, nur so viel, der hat ein total krasses Doppelleben geführt. Er hat andere Menschen um sehr viel Geld betrogen. Er hat ein riesiges Lügenkonstrukt erbaut, dem ich voll geglaubt habe. Er hat immer gesagt, seine Eltern hätten viel Geld, was gar nicht stimmte.

Andrea: Da ist es nicht einfach, noch jemanden zu vertrauen oder?
Stefan: Ja total, ich bin echt vorsichtig geworden mit Informationen. Wem erzähle ich was. Mein Blick hat sich geschärft. Ich schaue mir andere genauer an. Der hatte ja sogar meine Kreditkarte voll belastet. Jetzt habe ich Schufa – Einträge. Darum muss ich mich gerade kümmern, das ist viel Arbeit. Dann ist er auch noch handgreiflich geworden, aber irgendwie konnte ich nicht gehen. Er war total manipulativ. Auch jetzt noch, er ruft viel an und ist noch sehr präsent in meinem Leben. Aber ich muss auch Kontakt halten wegen der Gerichtsverfahren.

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Andrea: Was wünscht du dir für die Zukunft für dich?
Stefan: Also ich suche, was ja total schwer ist in der Schwulenszene, einen Romantiker. So ganz kitschig. Mit Blumen und Kerzen. Mein Ex hat das gar nicht gebracht, aber künftig wünsche ich mir das. Starke Oberarme finde ich super, das bringt mir so ein bisschen Schutz und Geborgenheit. Sollte nicht gerade durch die Gegend kugeln, aber ansonsten ist mir das Aussehen egal. Die Liebe macht halt, dass man sich verliebt und nicht das Aussehen.

Andrea: Ist da dein Kellner Dasein von Vorteil, jemanden kennenzulernen?
Stefan: Nicht wirklich. Man lernt Leute kennen ja, aber für Romantik nein. Ich würde auch gern Kinder haben, wenn das denn irgendwann mal möglich ist. Das ist auch ein schwieriges Thema für viele. Die meisten wollen lieber Karriere und mögen keine Kinder.

Andrea: Du weißt mit deinen 19 Jahren schon sehr genau was du willst oder?
Stefan: Ja, ich habe früher viel mit Kindern gearbeitet. Ich mag das einfach. Meine Mutter ist Kinderpflegerin. Da hatte ich schon immer ein Händchen dafür und ich finde es toll, zu sehen wie sie groß werden. Aber für schwule Männer in Deutschland ist das gerade fast unmöglich, ein Kind zu haben.

Andrea: Was wünschst du für dich in einem Jahr?
Stefan: Klar wünsche ich mir eine Beziehung, aber muss nicht sein. Ich will die alte Sache abschließen. Ich will glücklich sein, das war ich bis jetzt in meiner alten Beziehung nicht.

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EIN JAHR später - Interview Stefan

Andrea: Als wir uns im letzten Jahr getroffen haben, war ja ganz schön Drama bei dir am Start. Wie geht’s dir denn jetzt, gerade auch in Bezug auf deinen Exfreund?
Stefan: Ja, das ist noch nicht ganz durch. Vor allem weil auch die ganzen Gerichtsverhandlungen noch laufen. Bei dem ersten Urteil hat er vier Jahre bekommen.

Andrea: Was, vier Jahre? Da muss er aber echt Scheiße gebaut haben.
Stefan: Ja, das waren Beträge im Millionenbereich, um die er die Leute betrogen hat. Aber er darf nach drei Jahren raus, weil bei ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde.

Andrea: Ach so? Dann kann man eher aus dem Gefängnis? Wäre da nicht ein Jahr länger sinnvoller?
Stefan: (lacht) Ja, nein – leider nicht. Bei sowas kann man gut ein Jahr rausschlagen. sogar mit einer selbstgebastelten Geburtstagskarte, aber who cares. Er hat so viel Scheiße gebaut. Meine Anzeige gegen ihn läuft ja auch noch. Du hast es vielleicht gesehen, mein Schreibtisch quillt über vor Papierkram. Man muss so viel ausfüllen. Aber was gut ist, ich hab jetzt endlich eine eigene Wohnung von meiner Arbeitsstelle bekommen. Ist zwar ein bisschen runtergekommen, aber naja.

Andrea: Aber es ist was Eigenes oder?
Stefan: Ja, ich bin auch ganz happy. Ich hatte ja durch die Sache Schufa Einträge, die jetzt aber Gott sei Dank gelöscht sind. Aber mit sowas kann einem das Leben echt schwer machen.

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Andrea: Und dein Status in Bezug auf dein Liebesleben?
Stefan: Immer noch Single. (lacht) Dieses Jahr war ganz schön aufregend. Nach der ersten Beziehung wieder Single zu sein, ist irgendwie anders, weil man ganz anders ran geht und weiß, was man will. Ich hatte so ein zwei Liebschaften, aber aus denen ist nichts geworden. Die letzte habe ich jetzt verdaut und hab beschlossen, nicht mehr zu suchen, sondern lass mich finden. Ich weiß jetzt was ich will. Habe auch einfach gemerkt, dass ganz viele einfach nicht reden können. Das ist für mich sehr existenziell, dass man eben über alles reden kann, aber das können viele Männer einfach nicht.

Andrea: Naja, nach so einer extremen Erfahrung, wie du sie mit deiner ersten Liebe gemacht hast, will man ja entweder niemanden oder nimmt alles mit. Du bist da anders oder?
Stefan: Ja. Ich habe da auch gleich einen Psychologen konsultiert, denn ich wusste, davon werde ich einen Knacks kriegen. Und den wollte ich so gering wie möglich halten. Das habe ich dann getan und das hat mir sehr geholfen. Nun kann ich wieder eine glückliche Beziehung führen.

Andrea: Da bist du für dein Alter aber auch echt eine Ausnahme und dass du dich so gut selbst reflektieren kannst.
Stefan: Ja, da kam durch mein freiwilliges soziales Jahr. Da hab ich viel drüber gelernt und auch in der Ausbildung zur Pflege bekommt da viel mit. Gerade was Gesprächspsychologie und Kritik angeht und so weiter.

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Andrea: Können dann Männer eher weniger reden oder eher die in deinem Alter?

Stefan: Tatsächlich eher die in meinem Alter. Ich habe viele Freunde, die sind älter. Mit denen kann ich dann gut reden. Die Männer, mit denen ich angebandelt habe, waren in meinem Alter und da kam nie ein richtiges Gespräch zustande. So ein Typ, der hat nie wirklich Klartext gesprochen. Wir waren uns aber schon recht nah, der hat auch bei mir geschlafen. Dann war er im Urlaub und ist ein bisschen untergetaucht und meinte, er bräuchte eine Pause. Dachte ich mir, kein Problem. Dann seh ich aber auf Facebook, er ist in einer Beziehung mit jemand anderen und da denke ich mir, wieso sagt man da nichts. Er hätte es auch einfach so kommunizieren können.

Andrea: Und wie ist dein Fazit für das letzte Jahr?
Stefan: Ich habe viel über mich selber gelernt. Meine Therapie hörte damit auf, dass ich wieder eine Beziehung selbstbestimmt führen konnte, ohne dass ich Angst habe, dass ich überall meinen Ex hineininterpretiere.

Andrea: Weil du Angst hattest wieder betrogen zu werden?
Stefan: Ja, ich habe total das Vertrauen verloren. Ich hatte da mal tatsächlich ein Date, dass ich abgebrochen habe, weil der Typ mich so bedrängt hat, gleich eine Beziehung führen zu müssen und auch der Kuss war so erzwungen, dass mich das so an meinen Ex erinnert hat. Das wollte ich nicht. Ich kann jetzt mit und ohne eine Beziehung leben, obwohl mit natürlich schöner wäre. Ich will mich nicht mehr passiv fühlen. Hab mir deshalb auch das Tattoo stechen lassen. Wenn ich da hinschaue, weiß ich, was ich will.

Andrea: Das Flugzeug?
Stefan: Ja, zum einen reise ich super gerne und zum anderen steht das Flugzeug für Freiheit und Selbstbestimmtheit. Ich habe mich gängeln lassen. Und wenn es wieder so ist, dann seh ich das Flugzeug und denke, stopp.

Andrea: Ich seh schon, dir geht’s wieder richtig gut.
Stefan: Ja, sehr gut. (lacht) Ich kann wieder neuen Schwung ins Leben bringen.

Andrea: Aber das Beuteschema ist gleich?
Stefan: Ja, bei einer breiten Schulter schmelze ich immer noch dahin. Aber ansonsten ist mir das Aussehen egal. Das Gesicht ist wichtig, das ist der Ausdruck des Menschen. Der Körper muss nicht perfekt sein, genau wie ich keinen perfekten Körper habe. Ich will jemanden finden, mit dem ich lachen und glücklich sein kann. Das habe ich in meinem Job gelernt. Ich begleite Menschen in den Tod und sogar die können lachen, wenn man es richtig anstellt und dann ist es auch halb so schlimm.

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