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Stefanie

Tanja – 49 Jahre alt - im Krankenstand

Andrea: Was heißt Krankenstand? Geht es dir nicht gut?
Stefanie: Doch jetzt gerade ja, aber vor einem Jahr fast genau kam ich ins Krankenhaus. Morgen ist eigentlich mein zweiter Geburtstag, weil da meine OP war und ich hab es geschafft. Ich hatte Darmkrebs. Im Anschluss kam dann gleich die Chemo. Jetzt hoffe ich, dass ich mich nächsten Monat wieder eingliedern kann.

Andrea: Was hast du denn beruflich gemacht?
Stefanie: Witzigerweise habe ich für eine Firma gearbeitet, die im Bereich Krebs forscht.

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Andrea: Und wie lange bist du schon Single?
Stefanie: Seit über zwei Jahren. Noch vor meiner Krankheit wurde ich getrennt. Bei mir waren Kinder da, bei ihr nicht und das hat auf die Dauer einfach nicht gepasst. Ja und nun war ich ja lange krank und da hatte ich andere Dinge im Kopf. Habe zwar eine kennengelernt bei der Chemo, aber daraus ist eher eine Freundschaft entstanden.

Andrea: Wie sollte diejenige denn sein?
Stefanie: Aussehen ist mir sowas von unwichtig. Glaubt mir zwar keiner, aber bei mir ist es wirklich so. Alle meine Frauen sahen total unterschiedlich aus. Irgendwie wäre es gut, wenn diejenige Kinder hat oder gehabt hat, also sie sollte Kinderverständnis haben, damit sie auch weiß, was da auf sie zukommt. Familie ist für mich sehr wichtig. Das heißt aber nicht, dass sie die zweite Geige spielt. Das sind zwei Ebenen, aber manchmal sind dann Kinder wichtiger, wenn es akut ist. Gemeinsamkeiten müssen da sein, damit man auch zusammen leben kann. Gegensätze ziehen sich eben doch nicht an. Ich liebe Städtereisen. Und Humor ist mir sehr wichtig. Ich lache gern und viel.

Andrea: Was bringst du denn für Macken in die Beziehung?
Stefanie: Macken? Hab ich nicht. (lacht) Ich habe schon immer die Hoffnung, alle unter einen Hut zu bekommen, egal, ob es um den Urlaub, grillen oder das Baden fahren geht. Das kann manchmal anstrengend sein.

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Andrea: Und du hast wirklich kein Beuteschema?
Stefanie: Naja, doch. Blond und blaue Augen. Da bleibt mein Blick hängen.

Andrea: Was willst du später mit deiner neuen Partnerin machen?
Stefanie: Also ich brauche nichts Exotisches. Ich bin durch meine Krankheit so richtig geerdet worden. Wenn man aus der Chemo kommt, kann man grad mal fünf Meter laufen. Nach zwei Wochen sind es dann 50 Meter. Ich habe viele Dinge dann natürlich ganz anders gesehen und mich über alles, was hinzugekommen ist, gefreut. Ich brauche keine Skorpionverkostung in Thailand oder Fallschirmspringen. Mir reichen die einfachen Dinge. Die grüne Wiese, da kann man auch tausend neue Sachen entdecken. Ich brauche keine Partnerin, die den Abenteuerurlaub sucht.

Andrea: Wo suchst du?
Stefanie: Das ist so schwierig. Das hab ich mir schon bei meinem Coming Out nach meiner Ehe gedacht. Zuerst bin ich in die Szene und hatte eine Szenefreundin. Wo die Liebe hinfällt, dachte ich, aber das war dann wohl falsch. (lacht) Einen Stammtisch hatte ich, bei dem werde ich wohl mal wieder vorbeischauen. Und dann überlege ich jetzt ernsthaft, ob ich mal ein Inserat schreibe. Ich weiß nicht, wie man sonst jemanden finden soll.

Andrea: Was wünschst du dir für dich in einem Jahr?
Stefanie: Ja, da habe ich natürlich eine Freundin, eine Million und eine Weltreise gemacht. (lacht) Naja allen Ernstes hoffe ich nochmal viel reisen zu können.

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EIN JAHR später - Interview Stephanie (arbeitet jetzt in der Krebsforschung)

Andrea: Wie ist denn aktueller Status?
Stephanie: Single. Mei, es gestaltet sich einfach schwierig, jemanden kennenzulernen, der mein Leben eben auch mitträgt. Ich meine, meine Krankheit kann man einschätzen. Die von meinem Sohn nicht. Da weiß ich noch nicht, wo es hingeht. Ich bin aktuell erstmal gesund.

Andrea: Du hast es überwunden? Herzlichen Glückwunsch.
Stephanie: Naja, man gilt ja erst nach diesen berühmten fünf Jahren als ganz geheilt. Ich war gestern bei meiner Vorsorge. Aber ich bin optimistisch. Tja und das mit meinem Sohn kommt halt leider aus dem Nichts. Er hats mit dem Herzen und das ist leider deutlich schwieriger. Er hat zwei Einschränkungen. Eine Herzschwäche und Rhythmusstörungen. Und das zweitere ist halt gefährlich. Man ist halt ständig auf dem Sprung zum Arzt.

Andrea: Das klingt aber nicht gut. Was heißt das jetzt genau für deinen Sohn?
Stephanie: Wir stecken in der Warteschleife. Es läuft auf eine Transplantation hinaus. Mein Sohn macht quasi gar nichts mehr. Ganz selten, dass der noch mal auf eine Party geht. Der Zustand verschlechtert sich immer mehr. Er bleibt fast nur noch zu Hause und dadurch bin ich auch an das Haus gefesselt.

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Andrea: Ok, du hast einen Fulltime Job, du hast noch andere Kinder. Du kommst quasi gar nicht dazu einen Partner zu suchen oder?

Stephanie: Ja und nein. Phasenweise. Letzten Sommer war ich noch auf den Straßenfesten. Da gings meinem Sohn noch besser, aber mir nicht so gut. Jetzt geht’s mir gut und ihm schlecht. Oft wars auch so, ich treffe mich mit Jemanden und prompt kommt der Anruf. Mir geht’s schlecht, ich brauch einen Arzt. Und klar, dann bin ich natürlich da und fahr ins Krankenhaus. Seine Freundin ist weg, sein Vater ist auch nicht da. Da bleibe nur ich.

Andrea: Wenn du sagst, du warst unterwegs letztes Jahr. Hast den interessante Menschen getroffen? Hast dich verliebt?
Stephanie: Also du triffst Leute, wo ich mir immer denke, ok, bin ich falschen Film? (lacht) Ich habe zwei drei nette Frauen kennengelernt, wo es einfach so nicht gepasst hat. Vielleicht eine Freundschaft, aber selbst dafür hab ich keine Zeit. Tja und die anderen weiß ich nicht, wo die ihre Vorstellungen her haben. Mit 20 ok, aber nicht mit 40 oder 50 Jahren.

Andrea: Sag mal ein Beispiel. Was meinst du genau?
Stephanie: Ich kann ja verstehen, wenn jemand in einer Findungsphase ist, aber so ganze ohne Geld? Man kann sich nicht sein ganzes Leben lang verkünsteln und mit Muscheln zahlen, das geht nicht. Da fehlt mir bei vielen die Basis. Die wissen nicht, was sie wollen im Leben. Das kann ich mir mit Kindern gar nicht leisten. Und von der Sorte, ich mal rosa Seifenblasen, hab ich gleich zwei kennengelernt. Und dann hab ich Anzeigen geschaltet. Da lernst du auch „Leute" kennen. (lacht)

Andrea: Also hast du viele Frauen kennengelernt, aber hast dich auch mal verliebt das letzte Jahr?
Stephanie: Ne, so richtig verliebt war ich nicht. Also auf den ersten Blick sowieso nicht. Ich muss da jemanden schon kennenlernen und dann wird da mehr draus. Ich war mal nah dran, in der Vorstufe vielleicht, aber verliebt und Liebe nein.

Andrea: Und wieso ist da nicht mehr draus geworden?
Stephanie: Leider die Distanz. Die war in Hamburg. Das ist leider zu weit und geht nicht. Ich bin hier gebunden. Bei meinem Vater habe ich den letzten Atemzug miterlebt, was mir sehr geholfen hat. Bei meinem Sohn kann es halt jeden Moment passieren. Er ist halt kein Patient, wo die Krankheit irgendwie absehbar ist und ich mal eine Woche weg kann. Ich hätte ein zu schlechtes Gewissen, wenn ich dann nicht da wäre. Tja und bei ihr war eine Verliebtheit da, die ist dann sogar einmal gekommen. Aber es war nicht händelbar, dass sie dann dauernd kommt. Das hat sich dann leider zerschlagen.

Andrea: Und wie geht’s dir aktuell?
Stephanie: Es gibt Tage, an denen ich denke, es wäre toll, diese Belastungen auch teilen zu können. So liegt die ganze Last auf mir. Ja ich suche, aber nicht sehr intensiv zurzeit. Ich wäre gern aufs Angertorstraßenfest gegangen, aber ob man dann da jemanden trifft. Die Chance ist ja eins zu einer Million. Aber diese eine Chance kann süchtig machen. (lacht) Aber in die Szene geh ich nicht mehr so oft.

Andrea: Bist du denn noch optimistisch?
Stephanie: Mal so mal so. Aber eher resigniert. Ganz so optimistisch wie vergangenes Jahr bin ich nicht mehr, weil ich einfach zu viele Frauen schon getroffen habe und es jedes Mal gleich abläuft.
Du erwähnst Kinder, da fällst schon mal ein Stockwerk tiefer. Und dann erwähnst du noch, dass eins krank ist, dann bist du komplett raus. Neulich eine aus Ingolstadt getroffen, die hatte frisch die Seite zu den Frauen gewechselt und hatte fünf verschiedene Namen und sagte, es ginge sowieso alles nach ihrem Kopf. Da war ich dann raus.

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Andrea: Klingt ein bisschen frustrierend.
Stephanie: Ja total. Vor allem diese Vielzahl an Namen, das machen ja viele. Die wechseln spät die Seite und haben Angst erkannt zu werden oder so. Die eine fängt jetzt mit 50 an zu studieren.

Andrea: Gibt ja Senioren Unis.
Stephanie: Ich meine Studieren ist ja ok, aber ohne Geld? Das ist ja als junger Mensch schon schwer zu stemmen. Wie soll man denn da davon leben? Ich habe viele Lebenskünstler getroffen. Ich sollte ein Buch schreiben. So eine Sommer, Sonne, Strand Lektüre.

Andrea: Tja und nun? Machst du so weiter?
Stephanie: Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Null Plan. Für mich der Vorteil, ich habe so viele Frauen getroffen, ich bin mittlerweile tiefenentspannt und freue mich auf die Abwechslung. Die aus Ingolstadt war schweiß gebadet. Ich denke mir, trinken wir halt einen Kaffee und schaun, was passiert. Das hat mich die Krankheit gelernt.

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