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Denise

37 Jahre alt – Altenpflegerin - lebt in einem kleinen Dorf namens Borlas in der Nähe von Dresden

Andrea: Ich habe dich ausgewählt, weil du für mich eine Art Punk bist. Damit bist du anders und interessant. Bist du ein Punk?
Denise: Punk. Was ist schon Punk? übersetzt heißt das Dreck. Und dreckig war ich noch nie so wirklich. (lacht) Aber eigentlich geht es ja um ein bisschen Freiheit im Kopf. Nicht mit der Norm zu schwimmen, die Gesetze anzunehmen oder die Rahmenbedingungen, die du hast im Leben, nicht anzunehmen. Da bin ich dabei und das habe ich mir bis heute beibehalten. Ich hab mich da bisher gut durchgeschlängelt. Aber Punk? Ich sehe immer die ganzen schrägen Leute. Ich kann mich mit denen aber nicht identifizieren. Ich meine, die sehen geil aus. Ich will auch so aussehen und dann sehe ich in den Spiegel und denke, Mensch, du siehst ja schon so aus. (lacht). Man sieht ja nie sich selbst. Man sieht ja immer nur die anderen.

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Andrea: Wie reagiert dein Umfeld auf dich?
Denise: Ich lebe schon immer hier in dem Dorf und alle hier haben meine Entwicklung mitbekommen. Dass ich abgedriftet bin, dass ich abgehauen bin von Zuhause und dass ich komisch aussehe. Es war schon eine schwere Zeit, aber es hat auch Spaß gemacht zu kämpfen.

Andrea: War es schwer, Gleichgesinnte zu finden?
Denise: Wir sind halt die Wendekinder. Erst gab es gar nichts und dann zu viel. Wir konnten uns nicht entscheiden. Aber wir waren immer eine große Truppe von verrückten Leuten.

Andrea: Und bei den Frauen? Wie bist du da angekommen?
Denise: Also das mit den Frauen kam ja quasi über Nacht. (lacht) Ich wusste ja gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt. Irgendwie im Vollrausch. Es war schön. Wir waren sowieso eine Jugend, die viel geknutscht und gefummelt hat. Da gehörte das irgendwie auch dazu, aber so richtig ernst war das nicht. Und dann wollte ich es wissen und bin in die Stadt, in die Szene gefahren.

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Andrea: Vom Land in die Großstadt. Das war bestimmt eine Erleuchtung?
Denise: Nix da. Die haben mich nicht reingelassen auf die Disco. Die haben mir nicht geglaubt, dass ich eine Frau bin. Da hab ich mich ausgezogen. Also nackt auf der Straße. Dann durfte ich rein. Ich werde öfter für einen Mann gehalten. Die Menschen sehen ja, was sie sehen wollen. Aber mein Punker - Dasein hat mir immer bei den Eltern meiner Freundinnen sehr geholfen.

Andrea: Wie denn das?
Denise: „Oh Gott, meine Tochter ist lesbisch“, sagen ja die meisten Eltern und dann sehen sie mich. Das ist ja ein Punker, da konnten sie sich immer gar nicht entscheiden, was nun schlimmer ist. Lesbisch oder Punker. Und dann kam meistens, lesbisch sein sei ok, aber das Punkerzeug geht gar nicht. Aber das hat sich dann immer schnell gegeben, weil ich so „nett“ bin und so kam ich schnell in jede Tür rein.

Andrea: Wie ging es denn weiter in der Szene?
Denise: Scheiße war ́s. Ich hatte richtig Angst. Kein Mist jetzt. Ich dachte, geil jetzt triffst du endlich Leute, die so sind wie du, die das Gleiche fühlen. Aber dann war das gar nicht so. Die waren ganz anders als ich.

Andrea: Bist du auf starken Widerstand gestoßen?
Denise: Naja. Die Szene ist eben eine eingeschworene Gruppe. Und die waren alles so cool und ich wollte die alle kennenlernen. Ich habe die alle gehyped. Wie schön die alle waren. Aber es war schwer in die Gruppen hineinzukommen. Ich wusste nicht, dass Kaffee trinken gleich bedeutet mit einander ins Bett zu gehen. Das war mir neu. Es sind auch nur Menschen, musste ich dann feststellen. (lacht) Und leider auch viele Menschen, mit denen ich gar nichts zu tun haben will. Ich bin dann mit meinen schwulen Freunden weggegangen. War mir egal, ob die den ganzen Abend Drogen genommen haben und sich besoffen haben. Das war viel entspannter und lustiger. Mit der Szene hat das einfach nicht funktioniert.Jetzt, ein paar Jahre später, ist es entspannter mit den Lesben. Ich treffe ja einige von denen immer noch. Die ganzen High Society Lesben.

Andrea: Also war dir die Szene zu anstrengend?
Denise: Du hast in der Szene einen Rassismus, der mir überhaupt nicht gefällt. Die Randgruppe bekämpft die Randgruppe. Das ist natürlich am einfachsten. In Russland werden die Leute getötet. Wir können froh sein, hier zu leben als Lesben, dass wir feiern gehen können und frei sein können. Ich erwische mich ja selbst dabei und sehe auch manchmal den Rassismus in mir, wenn ich z.B. auf Feministinnen treffe. Ich saß da mal in einer Runde in Berlin zwischen sehr vielen Feministinnen. Ich konnte sagen, was ich wollte, alles war rassistisch. Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt und ich sagte zu meiner Kirsche, komm, wir gehen jetzt ficken. Da sind die Feministinnen alle ausgerastet.

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Andrea: Ist es für dich schwer, Frauen zu finden?
Denise: Nö. Also das ist nur meine Theorie, aber Heterofrauen wollen gerne mal an der Homowelt riechen und schnuppern. Da fällt ein Näherrücken nicht schwer. Und jeder hat ja alles irgendwie in sich. Von daher ist auch immer alles möglich. (grinst) Aber die Tür zumachen, geht dann nicht mehr.

Andrea: Wie meinst du das?
Denise: Naja – ich habe mir ziemliche viele Türen aufgemacht, nun fällt es mir schwer, mit nur einer geöffneten Tür und der Person darin zu leben. Meine Beziehungen waren zwar immer länger, aber es sind auch alle zerbrochen. Zwar immer positiv, aber immer zerbrochen. Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, wofür wir eigentlich gemacht sind.


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Andrea: Muss man darauf eine Antwort finden?
Denise: Naja, du musst ja wissen, was du willst, sonst bekommst du es nicht. Ich will im Alter nicht alleine sein. Aber Kinder? Mein innerlicher Schrei nach Kindern war nie sehr groß, weil ich immer Kinder um mich herum habe. Ich habe eine sehr große Familie, die auch alle hier leben.

Andrea: Was ist dein Wunsch in Bezug auf die Szene?
Denise: Also ich muss sagen, dass ich meine Ansprüche, die ich früher an die Szene hatte, abgelegt habe. Und so ist es nun einfacher für mich. Ich verlange ihnen nichts mehr ab. Außer das, was sie sind. Gute Feierkollegen.

Andrea: Aber wäre es denn nicht schöner, die Szene würde ihre Arme mehr öffnen für Leute wie z.B. dich?
Denise: Dafür ist man ja selber zuständig. Man darf selbst nicht rassistisch sein.

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Andrea: Nur weil du nicht rassistisch bist, heißt das doch nicht, dass es die andere es trotzdem sind?
Denise: Ja klar, aber deine Werte, die verbreitest du doch selbst. Wenn du mit einem Lächeln durch die Welt gehst, da kommen auch ein paar Grinser zurück. Aber ich bin da auch anders. Jemand der da sehr sensibel ist, hat es sicher schwerer. Aber am Ende macht man sich die Szene ja selber. Irgendwie.

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