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Julia

Junge Mutter - 22 Jahre alt - Altenpflegerin

Andrea: Siehst du dich selbst als Randgruppe in der Randgruppe?
Julia: Dadurch, dass ich mit 15 Mama geworden bin, war ich eh schon unten durch. Ich hab gesagt, ich bin lesbisch und kriege aber so früh ein Kind. Da war es an sich schon vorbei.

Andrea: Was heißt „vorbei“ und wie kam es dazu? Also zu deiner kleinen Tochter?
Julia: Also ich wusste damals schon, dass ich lesbisch bin. Meine damals beste Freundin fand ich total toll. Immer das Kribbeln im Bauch gehabt. Ich hab ein total strenges Elternhaus und ich hatte total Schiss zu sagen, ok, ich finde Mädchen auch ganz interessant. Dann habe ich meinen Freund kennengelernt. Der war ein „Gothik“ und ich dachte mir, ja vielleicht fühlst du dich da aufgehoben. Habe ihn aber eher als guten Freund gesehen. Er wollte natürlich irgendwann mehr, aber ich hatte höllische Angst. Hab das ein – zweimal zugelassen und hab mir dann aber schnell immer Ausreden einfallen lassen, warum ich nicht mit ihm schlafen will. Ich hatte dann eben drei Mal im Monat meine Tage.Aber irgendwas war anders. Mir war permanent schlecht. Irgendwann war ich mit meiner Mutter beim Frauenarzt zum Test, denn die ersten drei zu Hause habe ich manipuliert, weil ich es nicht wahr haben wollte. Der Arzt sagte dann: 6. Woche. Da hat meine Mutter ihm 100 Euro geboten, damit er es gleich weg macht. Aber da bin ich aufgestanden und gegangen. Ich war eben schon immer sehr rebellisch. Daraufhin ist meine Mutter weg, hat mich bei meinem Vater zurückgelassen und ist für ein Jahr abgehauen. Ich wusste, dass es nicht einfach wird, aber ich sagte mir, das schaffe ich auch alles mit Kind. Und gleich nach der Geburt habe ich meinen Vater gesagt, dass ich auf Frauen stehe. Mit ihm konnte ich schon immer reden.

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Andrea: Eine fünfzehnjährige Lesbe mit Kind? Das war sicher nicht einfach oder?
Julia: Ja, in die Rolle musste ich mich auch erstmal reinfinden. Ich wusste ja gar nichts. Wo finde ich Frauen? Ich war dann viel bei „Lesarion“ unterwegs und dachte mir, krass, die sehen ja alle aus wie Männer. Das wollte ich auch nicht. Habe dann dort aber meine Ex kennengelernt, die mich aber nach vier Jahren Beziehung nur noch betrogen hat. Ich musste dann dort weg, weil das ausgeartet ist mit Alkohol und allem Drum und Dran. Meine jetzige Freundin hat mich da rausgeholt. Sie war 16 ich 18. Sie war mir zu jung. Ich hatte total Angst. Hab dann viel ausprobiert und viele Frauen in der Zeit gehabt und das alles mit Kind. Ich wollte mal jemanden, bei dem ich mich fallen lassen kann. Letztendlich bin ich dann doch zu meiner jetzigen Freundin. Das funktioniert bis jetzt total super. Bis auf meine Familie.

Andrea: Deine Mutter ist immer noch gegen eine Beziehung mit einer Frau?
Julia: Total. Meine Freundin hat Hausverbot. Meine Mutter hasst meine Freundin dafür, dass ich lesbisch bin. Ich komme aus einem kleinen Dorf. Das war nicht einfach. Immer wieder hat meine Mutter mit mir Treffen vereinbart, wo dann plötzlich ein Mann stand, den ich kennenlernen sollte. Ich dachte mir, das kann doch wohl nicht wahr sein. Die Männer waren alle älter und konnten die Finger von mir nicht lassen. Meine Mutter hat aber trotzdem immer weiter gemacht. Sie sagte immer, ich solle nicht so prüde sein. Schließlich haben die ja alle Geld. Das ist ihr das Wichtigste.

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Andrea: Und wie lebst du jetzt?
Julia: Ich wohne jetzt wieder in einer kleinen Stadt. Das ist echt schwer. Ich bin jung. Habe eine sehr junge Freundin. Sie ist 20 und ein Kind. Das geht natürlich nicht. Ich habe wenige Bekannte und wenige Freunde. Unsere Nachbarn stehen aber hinter uns und helfen uns viel.

Andrea: Wie sind die die Reaktionen in der Szene, wenn sie erfahren, dass du eine junge lesbische Mutter bist?
Julia: Ich habe schon nach Frauen in meinem Alter gesucht. Nachdem ich dann erzählt habe, dass ich ein Kind habe, haben die meisten einen Rückzieher gemacht. Die Verantwortung wollte keiner tragen. Lieber feiern und Party machen. Die meisten waren sehr abweisend. Und nicht nur das. Ich habe auch viele Freunde verloren. Sogar meine beste Freundin.


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Andrea: Was meinst du, woran liegt das, dass viele damit nicht umgehen können, dass du schon so jung ein Kind hast?
Julia: Ich denke, die jungen Mädels in der Szene sind nicht sehr auf Familie aus. Es dreht sich fast alles nur um Sex und Party. Es war auf Partys unglaublich schwierig mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Die älteren Frauen sind da einfach besser, die wissen wie der Hase läuft, auch was das Thema Familie angeht.

Andrea: Was unterscheidet dich denn von Lesben in deinem Alter?
Julia: Ich find es halt cool, wenn wir in den Zoo gehen oder irgendwo hin zelten fahren. Ich muss nicht weit reisen. Ich trinke auch kein Alkohol. An Silvester stoßen wir mit Kindersekt an. Mode ist bei mir auch zweitrangig. Das ist auch eine Frage des Geldes. Meine Klassenkameraden geben all ihr Geld sofort aus am Monatsanfang. Das kann ich gar nicht. Ich empfinde nichts cooles mehr dabei, in der Bar zu saufen. Ich denke auch anders als die anderen Lesben in meinem Alter. Vorausschauender. Ich plane voraus. Dafür bin ich nicht so super spontan. An erster Stelle steht halt mein Kind. Das sie versorgt ist, dass sie alles bekommt.

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Andrea: Bedauerst du auch manchmal, in deinem Alter ein Kind zu haben?
Julia: Ganz ehrlich. Manchmal vermisse ich es, einfach weggehen zu können. Es kommt selten vor, aber ich habe auch Tage, an denen ich denke, Scheiße, jetzt packe ich meine Sachen und weg hier. Ich wollte immer Au pair werden. Das ist immer noch ein Traum von mir. Oder mal ein Wochenende nach London fliegen. Shoppen gehen. Fände ich voll cool, aber das sind eher seltene Tage.

Andrea: Was wünscht du dir für die Zukunft?
Julia: Ich wünsche mir, dass es mit mir und meiner Freundin hält. Ich bin halt ihre erste Frau. Da sind die Bedenken groß, dass sie nicht bleibt und dass sie raus will. Ich würde gern heiraten und in drei Jahren noch ein Kind kriegen wollen. Und beruflich will ich auch ankommen und mehr erreichen.

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Andrea: Und für deine Familie?
Julia: Ja wer wünscht sich nicht, von seiner Mutter akzeptiert zu werden? Momentan hasse ich sie. Zwar besucht meine Kleine die Großeltern, aber das Verhältnis ist schrecklich. Das finde ich halt schade. Ich wünsche mir da mehr Zuspruch. Dass sie mich einfach mal in Arm nimmt und sagt, hey Große, ich hab dich lieb.

Andrea: Wie sieht es mit der Frauenwelt aus? Hast du da Wünsche?
Julia: Ich wünschte die Szene wäre offener. Ich bin deswegen, weil ich Mutter bin, nicht anders. Man kann mit mir auch lachen und Spaß haben. Wir sitzen dann nicht in der Kneipe, sondern auf dem Spielplatz. Hier kann man genauso Spaß haben.

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