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Michelle – 46 Jahre alt – lebt mit einer körperlichen Behinderung

Andrea: Wieso gehörst du zu dieser Reportage?
Michelle: Naja, ich bin ja eine Dreifachrandgruppe: farbig, lesbisch und behindert. Aber das muss man mit Humor nehmen, sonst geht es gar nicht anders. Wenn ich andere Behinderte sehe, die schauen immer so grummelig. So nach dem Motto: Schau mich ja nicht an.

Andrea: Was ist mit dir passiert?
Michelle: 2006 bin ich zu meinem Arzt gegangen, weil ich plötzlich aus dem Nichts Probleme mit meinen Händen hatte. Ich habe halt gemerkt, meine Hände gehen kaputt, sie funktionieren nicht mehr richtig. Ich hatte dann unzählige Operationen. Keiner wusste über einen sehr langen Zeitraum, was ich habe, bis die Diagnose eindeutig war: Neurophatie (HMSN Typ 1). Das war natürlich erstmal eine fette Watschen.

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Andrea: Wie bekommt man das?
Michelle: Das ist ein Gendefekt. Die ärzte sagten mir, die Krankheit schreitet sehr langsam voran. Ich werde Einschränkungen haben, aber sterben werde ich nicht. Ich wusste überhaupt nichts damit anzufangen. Was ist das? Was passiert da mit mir? Dann habe ich den Fehler gemacht, im Internet zu schauen. Das war Horror. Dann gingen mir die Knie kaputt. Ich dachte, ich bin zu blöd zum Laufen, dabei haben sich meine Muskeln zurückgezogen. 2008 versagten mir die Beine und ich musste in den Rollstuhl. Jetzt kann ich nicht mehr laufen, nicht mehr richtig stehen und die Krankheit wird wohl so weiter gehen. Ich schaue nicht mehr im Netz. Ich bin durch so viele Tiefs gegangen und gerade sehr erschöpft. Ich will gar nicht wissen, war es das jetzt oder kommt da noch mehr? Ich habe 24 Stunden Assistenten, die mir helfen. Ich kann mir nicht mal ein Glas Wasser holen, das ist schon arg. Ich habe schon Hummeln im Arsch.

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Andrea: Wie nimmt dich dein Umfeld wahr? Auch speziell in Bezug auf die Szene?
Michelle: Rassismus hab ich seit meiner Kindheit erfahren, aber das konnte ich immer gut wegstecken, weil ich eine echt starke Familie hatte. Wenn ich früher, also noch ohne Behinderung, in der Szene unterwegs war, hatte ich immer das Gefühl, dass ich angeschaut werde. Man kann ja im Blick sehen, ob das Neugierde ist oder Interesse. Und da hatte ich so das Gefühl, das ist eine Mischung aus Neugierde und Angst vor dem Anderssein. Und das obwohl ja nichts anders ist. Ich sehe die Hautfarbe ja nicht. Ich sehe die Hautfarbe erst dann, wenn mich jemand anderer drauf stößt. Ich bin mit Weißen aufgewachsen. Es ist für mich eher ungewohnt, wenn ich unter Farbigen bin, weil das eine Situation ist, die nicht alltäglich ist. Mittlerweile ist das aber völlig ok. Ich sehe groß, klein, dick oder dünn, aber nicht die Hautfarbe, sondern nur den Menschen. Ich habe das Gefühl, früher ist man leichter ins Gespräch gekommen, heute glotzt man nur noch. Die stehen da in ihren Ecken, kucken und alle in ihren eigenen Gruppen. Und da kommt man nicht so ohne weiteres rein. Und wenn du anders bist, ist dir der „Anstarrfaktor“ sicher.

Andrea: Wann warst du das letzte Mal in der Szene?
Michelle: Zum CSD. Da war ich seit langem mal wieder draußen. Also dass ich mich der Szene genähert habe, ist schon eine Weile her. Aber ich bin jetzt auch gar nicht auf Beziehung aus oder so.

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Andrea: Warum?
Michelle: Ich komme mit meiner Behinderung nicht so richtig zurecht. Wenn ich mir dann überlege, wie das alles funktioniert soll. Ich weiß nicht. Ich kann das nicht so richtig beschreiben. Klar, man will immer jemanden bei sich haben, aber im Moment bin ich nicht auf Nähe gepolt. Der Angstfaktor ist zu groß, abgelehnt zu werden. Meine letzte Beziehung ist jetzt drei Jahre her. Da saß ich schon im Rollstuhl, konnte aber noch in den letzten Zügen laufen. Die Beziehung ist aber unabhängig von meiner Behinderung auseinander gegangen. Wir sind immer noch gut befreundet. Ich hab sie einmal gefragt, ob sie sich eine Beziehung in meinem jetzigen Zustand mit mir vorstellen könne. Sie antwortete mit erstem Gesicht: Ob ich noch alle hätte und ja klar. Sie hätte kein Problem damit, aber ich.

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Andrea: Würdest du so in die Szene gehen?
Michelle: Ich gebe mich nicht der Szene hin um „beglotzt“ zu werden. Da muss ich schon einen starken Tag haben und sagen: Ok, heute gehe ich in den Affenzirkus. Aber die Kraft habe ich dazu momentan nicht. Ich könnte zwar rausgehen, aber ich habe keinen Bock auf so eine kalte Gesellschaft, ich treffe mich lieber mit meinen Freunden.

Andrea: Aber wenn ich dich so anschaue, du lachst sehr viel.
Michelle: Ja, ich war schon immer ein positiver und fröhlicher Mensch. Ich sage immer: „Power to the people.” Und da bin ich auch echt stolz drauf. Ich hab zwei Jahren Menschenabstinenz hinter mir. Nun geht’s langsam wieder los. Zurück in die Gesellschaft. Es geht nur mit Humor, sonst müsste ich mich echt verabschieden, aber da hab ich keinen Bock drauf. Ich lachte eben sehr viel, auch über mich selbst. Life is a bitch. I ́m not gonna marry one. (lacht)

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